Das New York Picture Project

Lab Note · Analogfotografie · 2023 - 2025

New York, West Houston - Sullivan Street. Quelle: Apple Look Around

Eine Geschichte über Zeit und Raum

New York, 24. Juli 2023. Es ist heiss, deutlich über 30 Grad, und wir kommen gerade vom Mittagessen. An der Ecke West Houston und Sullivan Street stehen ein paar Marktstände. Wir bleiben stehen und stöbern.

Eine alte Kamera fällt mir auf. Wie alt sie wohl ist? Vielleicht wäre das der Anlass, mich an analoger Fotografie zu versuchen. «It works!», sagt der Verkäufer. Das würde ich an seiner Stelle auch sagen. Ich drücke ab, und tatsächlich: Der Verschluss öffnet und schliesst sich blitzschnell. Wenn sie jetzt noch lichtdicht ist, braucht sie nicht mehr.

Ein paar Dollar wechseln den Besitzer. Die Kamera gehört mir: eine Kodak Jiffy Six-16.

Der Fund

Zu Hause sehe ich sie mir genauer an. Sie ist älter, als ich dachte: gebaut zwischen 1933 und 1937, die Art-déco-Ausführung der Jiffy. Noch immer elegant.

Ich will wissen, ob es den passenden Film noch gibt, und öffne die Rückwand. Und staune. Im Inneren liegt ein Film, offenbar bis zum letzten Bild belichtet.

Warum hat ihn niemand herausgenommen? Wurde er nur weitergespult, oder hat tatsächlich jemand fotografiert? Und wenn ja, warum wollte niemand die Bilder sehen? Wie alt ist dieser Film?

Ein Film ohne Labor

Recherchen und ein paar E-Mails bringen erste Antworten. Der Filmtyp wurde zwischen 1942 und 1963 hergestellt. Die Kamera war also schon mindestens fünf Jahre alt, als jemand diesen Film einlegte. Lange hatte ich angenommen, er sei einfach der letzte gewesen, den sie belichtet hat. Vielleicht stimmt das sogar. Aber dazwischen liegt ein Stück Kameraleben, von dem ich nichts weiss.

Entwickelt werden muss der Film im C-22-Prozess, einem Verfahren, das heute kaum noch jemand anbietet. Selbst ein Speziallabor in Zürich lehnt ab. Die einzige Hoffnung, so die Fachleute: ein Universitätslabor, das die alte Chemie noch beherrscht.

Ich gebe auf. Vorerst.

Zwei Jahre später

Beim Aufräumen fällt mir die Filmrolle wieder in die Hände. Ich starte einen zweiten Versuch und stosse auf Film Rescue International in Kanada. Die Prognose: fünf bis zehn Prozent Chance, dass überhaupt etwas zu retten ist. Und auch das nur, wenn der Film über Jahrzehnte kühl und trocken gelagert wurde. Also unter Bedingungen, die das Gegenteil eines New Yorker Sommers sind. Wo er die letzten 60 bis 80 Jahre verbracht hat, weiss niemand.

Ich schicke ihn trotzdem los.

Einen Monat später kommt ein E-Mail.

Die Zeitkapsel

Entgegen aller Erwartungen.
Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit.
Entgegen der Zeit und der Hitze.

Jemand hat also tatsächlich fotografiert und die Bilder nie gesehen. Mindestens 60 Jahre lang hat sich niemand für sie interessiert. Und die Chemie auf dem Film hat all das überstanden.

Was auf dem Film überlebt hat

Ein belichteter, aber unentwickelter Film trägt ein latentes Bild: winzige Ansammlungen von Silberatomen in den lichtempfindlichen Silberhalogenid-Kristallen der Emulsion. Unsichtbar, aber stabil genug, um bei der Entwicklung den Ausschlag zu geben, welche Kristalle zu metallischem Silber werden. Dieses Bild ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Mit den Jahren verblasst es, während gleichzeitig der Grundschleier wächst: Wärme, Feuchtigkeit und die natürliche Hintergrundstrahlung schwärzen nach und nach auch Kristalle, die nie Licht gesehen haben. Irgendwann geht das Bild im Rauschen unter. Daher die Prognose von fünf bis zehn Prozent.

Der Film ist ein früher Farbnegativfilm. Im C-22-Prozess wären beim Entwickeln Farbstoffe entstanden, anschliessend hätte ein Bleichbad das Silber entfernt. Nach Jahrzehnten ist auf diese Farbchemie kein Verlass mehr. Film Rescue entwickelt solche Filme deshalb in Schwarzweiss-Chemie und lässt das Silber im Film. Die Farbe geht verloren, aber das Silberbild, die eigentliche Information, bleibt erhalten. Spezielle Entwickler mit Antischleiermitteln helfen, das schwache Bild vom Schleier zu trennen. Der Rest geschieht beim Scannen.

Was ich sehe, sind also keine Farbfotos von damals, sondern das, was von ihrem Licht übrig geblieben ist.

Der erste Blick

Als die Scans ankamen, habe ich sie lange allein angeschaut. Wer auch immer an jenem Tag abgedrückt hat, hat diese Bilder nie gesehen. Ich war der erste Mensch, der das tut. Das ist ein seltsames Privileg. Und eines, das man nicht teilen kann, ohne es aufzugeben.

Sie zu veröffentlichen, fällt mir deshalb nicht ganz leicht. Es fühlt sich an, als würde ich etwas weitergeben, das mir nur zur Aufbewahrung anvertraut wurde. Auf den Bildern ist ein einziger Mensch zu sehen, und er ist nicht zu erkennen. Was sie zeigen, ist ein Tag, den jemand für festhaltenswert hielt.

Ich lade euch ein, mit mir einen ersten Blick in diese Vergangenheit zu werfen und darüber zu spekulieren, was an jenem Sommertag geschah.

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