Ein Metronom aus 38'000 Kilometern

Beyond Noise Edition IV – The Sound of Satellites · Little Big Beat Studios, Eschen · 15. Oktober 2026

Das Stück hatte einen ungewöhnlichen Taktgeber: einen Satelliten über dem Äquator, rund 38'000 Kilometer vom Studio in Eschen entfernt. Er wusste nicht, dass er an diesem Abend mitspielte.

Das Signal

Beyond Noise ist eine Konzertreihe der Little Big Beat Studios. Die vierte Ausgabe war dem Weltraum gewidmet und verband Musik von Ulrich Drechslers Trio mit Beiträgen der Orbital Nation Association. Akatombo steuerte den Klang bei, der von dort oben kam.

Vorher ging Philipp Büchel auf eine Art Signal-Safari. Mit einer Antenne zu Hause, ausgerichtet auf den geostationären Satelliten Alphasat, suchte er dessen Frequenzband nach Tönen ab, zu denen sich Musik machen lässt. Die Auswahl besprach er mit Ulrich Drechsler, und sie einigten sich auf ein Signal. Am Abend selbst lief es live: Über einen SDR-Server kam es direkt ins Studio, und der Frequenzwasserfall wurde auf die Plattenwand projiziert. Dank der Studiotechnik liess sich das Signal so im Raum platzieren, dass es ungefähr aus der Richtung klang, in der der Satellit tatsächlich stand.

Nach Wochen des Testens fiel kurz vor Beginn der USB-Empfänger aus. Die Ersatzlösung mit Aufnahmen lag bereit. Gebraucht wurde sie nicht, weil ein hilfsbereiter Schwager zu Hause aufs Dach stieg und den Stick aus- und wieder einsteckte. Auch Signale aus dem All hängen manchmal an einem Handgriff auf einem Dach in Liechtenstein.

Der Abend

Das Signal gab dem Trio den Takt vor. Für die Musiker war das eine Herausforderung: Eine Maschine lässt sich nicht bitten, exakt im Takt zu bleiben. Gerade daraus entstand der Reiz des Stücks. Menschen spielten mit etwas zusammen, das ihnen nicht zuhörte. Das Zusammenspiel war einseitig und trotzdem eines.

Im ersten Teil zeigte eine Animation von Andreas Hielscher die Positionen und Bahnen der Satelliten über uns. Synthetische Stimmen beschrieben philosophisch, was technisch gerade geschah, und jeder Überflug über Liechtenstein löste einen Ton aus. Weil die Projektion zum Teil auf die Köpfe des Publikums fiel, entstand im Raum ein dreidimensionaler Himmel aus fliegenden Punkten. Das war eindrücklich und, angesichts der Dichte, auch etwas beängstigend.

In kurzen Vorträgen kamen die Beteiligten selbst zu Wort. Andreas Hilscher, ursprünglich Gestalter, sprach darüber, den Weltraum als Wirtschaftsraum zu erschliessen. Bianca Lins erzählte von ihrer Faszination für den Weltraum seit Kindertagen und von ihrer juristischen Arbeit dazu beim Amt für Kommunikation. Ulrich Drechsler sprach über seine Musik und darüber, woher sein Interesse am All kommt, von Flash Gordon an. Dabei wurde auch klar, was Liechtenstein mit alldem zu tun hat. Die Industrie im Land liefert seit Langem Technologie für die Raumfahrt, vor allem Beschichtungen. Ausserdem hält Liechtenstein bei der Internationalen Fernmeldeunion eigene Anmeldungen für Satellitenfrequenzen und stellt sie privaten Betreibern zur Verfügung.

Das Panel

In der Schlussrunde stellte das Publikum kritische Fragen: Wer verteilt die Umlaufbahnen, und wie voll dürfen sie werden? Starlink und Musk kamen natürlich zur Sprache. Es gab aber auch Fragen zur Orbitalmechanik, auf die Philipp Büchel als Ingenieur antworten konnte.

Seine Haltung dazu hatte zwei Seiten. Die kritische: Wenn wenige private Betreiber Internetsatelliten kontrollieren, entscheiden sie mit, ob Daten in ein Kriegsgebiet gelangen oder nicht. Das ist Macht, die niemand gewählt hat. Die hoffnungsvolle: Der Weltraumvertrag von 1967 schliesst aus, dass sich ein Staat den Weltraum aneignet. Damit gäbe es die Gelegenheit, dort gar nicht erst mit Territorialansprüchen und den Machtkonzentrationen anzufangen, die daraus folgen.

Diese Hoffnung ist leise. Wir sind dieselben Menschen wie jene, die zum ersten Mal sagten, „Dieses Stück Land gehört mir“, und wie jene, die antworteten, „Einverstanden“. Dass wir dieses Muster im Orbit nicht wiederholen, ist nicht ausgemacht. Ausgeschlossen ist es aber auch nicht.

Für das Institut

Der Abend war für Akatombo die erste Arbeit an der Schnittstelle von Kunst und Technik, die öffentlich zu sehen war. Dort möchte das Institut künftig öfter stehen: mit echter Technik, die man nachvollziehen kann, und mit dem Gespür dafür, wann sie zurücktreten muss, damit Musik entstehen kann.

Weiter
Weiter

Werte statt Wachstum. Ein Abend im Haus Gutenberg.